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Station: 4/10

Sandtorkai Innenhof

Hier schlägt bis heute ein Stück Kaffeegeschichte der Speicherstadt.

In diesen Gebäuden hatten sich über viele Jahrzehnte zahlreiche Kaffeehändler und Importeure niedergelassen. Unten befanden sich die Kontore, in denen gehandelt, gerechnet und Verträge geschlossen wurden. In den oberen Stockwerken lagerten die kostbaren Rohwaren – allen voran Kaffee.

Vor dem Zweiten Weltkrieg saßen viele Kaffeehändler direkt am Sandtorkai. Doch große Teile dieses Bereichs wurden während des Krieges zerstört. Nach dem Wiederaufbau zogen zahlreiche Händler in diesen Gebäudekomplex um. Die Nähe zur Kaffeebörse und zu den alten Handelswegen blieb erhalten.

Geh ruhig einmal bis ganz nach hinten – dort eröffnet sich Dir ein schöner Blick auf das Fleet. Ein guter Moment, um einmal innezuhalten. Zwischen Backstein, Wasser und alten Lagerhäusern lässt sich noch heute erahnen, wie geschäftig es hier einst zuging.

💡 Gut zu wissen: Die Speicherstadt – Ein Lagerhausgigant auf Millionen Pfählen

Nutzen wir den Blick aufs Fleet für ein paar allgemeine Infos zur Speicherstadt – denn hier zeigt sich, warum dieser Ort bis heute so besonders ist.

Ein Lagerhauskomplex der Superlative
Die Speicherstadt besteht aus 15 Lagerhausblöcken, die jeweils mit Buchstaben gekennzeichnet sind – eine praktische Orientierungshilfe für Händler und Lagerarbeiter.

Bis heute zählt sie zu den größten historischen Lagerhauskomplexen der Welt. In den Gebäuden herrschten nahezu ideale Lagerbedingungen: Die Temperaturen blieben meist konstant zwischen 15 und 18 Grad Celsius – perfekt für empfindliche Waren wie Kaffee, Tee, Gewürze oder Kakao.

Gebaut auf Eichenpfählen
Die Speicherstadt wurde auf rund 3,5 Millionen Eichenpfählen errichtet, die bis zu 12 Meter tief in den moorigen Untergrund getrieben wurden. Eine gewaltige Ingenieursleistung des 19. Jahrhunderts.

Für die unteren Gebäubereiche verwendete man im Übrigen besonders stark gebrannte, dunklere Backsteine. Sie waren widerstandsfähiger gegen Feuchtigkeit und Hochwasser.

Neugotik trifft Hafenlogistik
Der Baustil der Speicherstadt nennt sich Backstein-Neugotik – typisch sind Türmchen, Spitzbögen und reich verzierte Fassaden. Fast ein wenig wie ein hanseatisches Märchenschloss, nur eben für den Warenhandel.

Der westliche Teil der Speicherstadt – etwa vom Kehrwieder bis zum Sandtorkai – wurde zunächst mit Stahlkonstruktionen gebaut. Der Bau ging vergleichsweise schnell, auch weil Otto von Bismarck den Aufbau des Freihafens politisch und finanziell unterstützte.

Später zeigte sich jedoch ein Problem: Bei Bränden verloren die Stahlträger ihre Stabilität. Einige Gebäude stürzten beinahe wie Kartenhäuser ein. Deshalb setzte man im östlichen Teil – ab etwa der Neuerwegsbrücke Richtung Alter Wandrahm – wieder stärker auf Holzkonstruktionen. Dieser Abschnitt wurde später überwiegend von Hamburger Kaufleuten selbst finanziert.

Wie kamen die Waren in die Speicher?
Damals fuhren sogenannte Schuten – flache Transportboote – durch die Fleete direkt an die Gebäude. Gesteuert wurden sie von den sogenannten Ewerführern.

Mit Seilwinden an den Fassaden wurden Kaffee, Tee, Gewürze oder Kakao nach oben in die Lagerböden gezogen. Wenn Du an den Gebäuden nach oben schaust, kannst Du die alten Lastenwinden teilweise noch heute entdecken.

Quartiersleute – Ein typisch Hamburger Beruf
Ein Beruf, den es so nur in Hamburg gab: die Quartiersleute. Sie kontrollierten Qualität, Gewicht und Zustand der angelieferten Waren – im Auftrag der Kaufleute. Der älteste Quartiersmann gab oft den Namen – die Partner wurden die „Consorten“ genannt. Ein Stück Hamburger Handelsgeschichte, das bis heute nachklingt.

Was lagerte hier eigentlich?
Über viele Jahrzehnte wurden in der Speicherstadt vor allem Rohkaffee, Tee, Gewürze und Kakao gelagert. Das Klima in den Backsteingebäuden war ideal dafür. Ab den 1980er Jahren kamen zunehmend Orientteppiche hinzu – und Hamburg entwickelte sich zu einem der wichtigsten Umschlagplätze Europas.

💡 Exkurs: Teppichhandel in der Speicherstadt

Kaum ein Wirtschaftszweig wird heute stärker mit der Speicherstadt verbunden als der Teppichhandel. Schon in den fünfziger Jahren ließen sich persische Kaufleute in der Speicherstadt nieder. In den Jahren des Wirtschaftswunders zog auch die Nachfrage nach Teppichen kräftig an. Als sich auch in der Speicherstadt der tiefgreifende Strukturwandel der Hafenwirtschaft bemerkbar machte und traditionelle Lagergüter wie Kaffee oder Kakao zunehmend lose in Containern befördert wurden, konnte sich das Areal im Freihafen in den achtziger Jahren schließlich zum weltgrößten Umschlagsplatz für Orientteppiche entwickeln. Nachdem inzwischen mehr und mehr Dienstleistungsagenturen jenen Ort entdecken, an dem traditionell Waren gelagert wurden, erinnert heute fast nur noch ihr Geschäft an die alte Bestimmung der Speicher. Obwohl Hamburg noch immer das größte Orientteppichlager der Welt ist, mussten die Händler und Importeure der Speicherstadt in den vergangenen Jahren einige Rückschläge einstecken. Aber was immer die Zukunft bringt: Der Orientteppich und der Umschlagsplatz Speicherstadt haben sich an zwei Hamburger Orten auf außergewöhnliche Weise verewigt. In der Moschee der iranischen Gemeinde an der Alster liegt ein Geschenk der Knüpfergenossenschaft, der größte handgeknüpfte Rundteppich der Welt. Er hat einen Durchmesser von 16 Metern und wiegt eine Tonne. Insgesamt haben 22 Knüpferinnen daran drei Jahre gearbeitet. Ein anderer einmaliger Teppich liegt auf der Wilhelminenbrücke an der Schnittstelle zwischen Neustadt, HafenCity und Speicherstadt aus. Er ist 27 Meter lang und wiegt anderthalb Tonnen – würde man ihn anheben können. Der Künstler Frank Raendchen hat ihn 2005 aus Stein fest auf der Brücke installiert. Auch er ist zu 100 Prozent handgemacht.

Gut zu wissen: Die Verzollung von Teppichen erfolgte teilweise nach der Anzahl der Knoten pro Quadratzentimeter. Besonders feine Teppiche erreichten bis zu 800 Knoten pro cm².

Heute lagern in der Speicherstadt kaum noch Rohwaren. Stattdessen findest Du hier Museen, kleine Röstereien, Restaurants, Agenturen, Geschäfte und Freizeitangebotewie das Miniatur Wunderland.
Was Du allerdings nicht findest: Wohnungen. Die Speicherstadt ist bis heute ein reines Gewerbegebiet. Seit 2015 gehört die Speicherstadt gemeinsam mit dem Kontorhausviertel und dem Chilehaus zum UNESCO-Welterbe.

💡 Exkurs: Ebbe, Flut und Sturmfluten

Die Speicherstadt lebt mit dem Wasser – und manchmal auch gegen das Wasser. Hamburg ist ein tideoffener Hafen. Das bedeutet: Ebbe und Flut wechseln hier etwa alle sechs Stunden. Der Wasserstand steigt und fällt sichtbar in den Fleeten. Deshalb findest Du an vielen Mauern unterschiedliche Festmacherhöhen – je nachdem, wie hoch das Wasser gerade stand.

Mehrmals im Jahr kommt es zudem zu Sturmfluten. Von einer Sturmflut spricht man ab etwa 1,5 Metern über dem normalen Hochwasser.

Die schwerste Sturmflut Hamburgs ereignete sich 1976 mit 6,45 Metern über Normalnull – höher als die bekanntere Flut von 1962, die allerdings verheerendere Folgen hatte und über 300 Menschenleben forderte. Erst danach wurden Hochwasserschutz und Warnsysteme deutlich verbessert. Auch in der Speicherstadt kommt es regelmäßig zu Überflutungen.

Gut zu wissen: Vielleicht entdeckst Du im Fleet ein rot-weißes Schild – nein, keine österreichische Flagge 😉, sondern ein Hinweis: Durchfahrt verboten für Barkassen.

Und noch etwas passiert hier gerade unter der Wasseroberfläche: Weil der Tidenhub in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen ist, liegen manche Holzpfähle inzwischen zeitweise frei und beginnen langsam zu verrotten. Deshalb wird in den Fleeten aktuell regelmäßig gebaggert und saniert – voraussichtlich noch bis etwa 2030.

Wegbeschreibung

Es geht weiter die Straße entlang bis zur Kibbelstegbrücke.

💡 Gut zu wissen: Hälssen & Lyon

Du kommst auf deinem Weg dorthin auch am Traditionsunternehmen Hälssen & Lyon vorbei – dem ältesten Mieter der Speicherstadt und Teil unserer „Consorten“. Das Unternehmen steht seit Jahrzehnten für Teehandel in Hamburg. Hier werden neue Mischungen entwickelt, verkostet und weltweit gehandelt. Ein klassischer Beruf dabei: der Tea Taster – ein echter Spezialist für Geschmack, Herkunft und Qualität.

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