Die St. Annen-Kapelle, die bis 1844 an diesem Ort stand, war Namengeberin des St. Annenplatzes, der im späten 19. Jahrhundert entstanden ist, jedoch nicht als "Platz" im heutigen Sinne, sondern als ein funktionaler Arbeitsraum. Es ist einer der wenigen offenen Räume in der dicht strukturierten Speicherstadt. Hier kreuzten sich Wege, Waren wurden bewegt und Arbeiter hatten zumindest ein bisschen Raum zum Manövrieren – was bei den engen Gassen der Speicherstadt dringend nötig war.
💡 Gut zu wissen: Wer war eigentlich die heilige St. Anna?
Vielleicht ist Dir am Gebäude Sandtorkai 1 bereits eine steinerne Figur aufgefallen: St. Anna mit Maria. Die heilige Anna gilt in der christlichen Überlieferung als Mutter Marias – und damit als Großmutter Jesu. Zwar taucht sie nicht direkt in der Bibel auf, wohl aber in frühen christlichen Überlieferungen. In Hamburg spielte St. Anna über Jahrhunderte eine besondere Rolle. Sie wurde hier unter anderem als Patronin der Schiffer, Kaufleute und Seiler verehrt – passend für eine Stadt, deren Leben seit jeher eng mit Hafen und Handel verbunden ist.
Ganz in der Nähe stand früher die St.-Annen-Kapelle am Brooktor, die bis 1869 existierte. Auch nach ihrem Abriss blieb die Erinnerung lebendig: Noch heute tragen der St. Annenplatz, das St. Annenufer und die St. Annenbrücke ihren Namen. Vom St. Annenplatz aus hat man einen ausgezeichneten Blick auf zwei weitere Juwelen...
- Speicherstadtrathaus
Das Speicherstadtrathaus wurde um 1902 gebaut und war das organisatorische Zentrum der Speicherstadt. Trotz seines Namens war es nie ein politisches Rathaus, sondern eine Verwaltungszentrale für die Hafenwirtschaft. Hier wurden Lagerflächen verwaltet, Verträge organisiert und Abläufe koordiniert – kurz gesagt: Hier lief die gesamte Logistik zusammen. Architektonisch fügt es sich in die Backsteinwelt ein, hebt sich aber durch seine etwas repräsentativere Gestaltung ab. Besonders auffällig ist der kleine Turm mit Uhr – fast ein wenig wie ein hanseatisches Märchenschloss aus rotem Backstein. Und auch ein Zeichen für die typische Rathaus-Architektur im gotischen Stil. Heute dient das Gebäude als Sitz der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA), die 1885 als Hamburger Freihafen-Lagerhaus-Gesellschaft mit dem Ziel gegründet wurde, die Hamburger Speicherstadt zu realisieren und zu verwalten.
- Maritimes Museum
Schräg gegenüber auf der anderen Seite der Kreuzung sieht man das Internationale Maritime Museum. Es befindet sich im Kaispeicher B, der bereits 1878 erbaut wurde. Ursprünglich diente das Gebäude als klassisches Lagerhaus für Stückgut. Seine massive Bauweise und die Lage direkt am Wasser machten es ideal für den Umschlag von Waren. Nach einer Phase des Leerstands wurde es 2008 als Museum neu eröffnet. Heute zeigt es auf mehreren Etagen die maritime Geschichte der Welt – von antiken Schiffsmodellen bis zur modernen Seefahrt.
💡 Exkurs: Ein Blick zurück: Wie die Speicherstadt entstand
Bevor Du Deine Tour fortsetzt, lohnt sich ein kurzer Blick in die
Geschichte der Speicherstadt. Denn wo heute rote Backsteinfassaden und Fleete
das Bild prägen, sah Hamburg einst ganz anders aus.
Vom Wohnviertel zum Lagerhauskomplex
Die Speicherstadt wurde zwischen 1883 und 1927 in mehreren
Bauabschnitten errichtet – auf den ehemaligen Elbinseln und Wohnquartieren Kehrwieder
und Wandrahm.
Mit rund 26 Hektar Fläche und einer Länge von etwa 1,5
Kilometern erstreckt sie sich von der Kehrwiederspitze im Westen bis zur
Oberbaumbrücke im Osten. Bereits 1888 war der erste Abschnitt
fertiggestellt.
Doch der Bau hatte auch eine Schattenseite: In Teilen standen hier zuvor
dicht bebaute Wohnviertel – teilweise sogenannte Gängeviertel, in denen viele
arme Familien lebten. Für die Speicherstadt mussten rund 20.000 Menschen
umgesiedelt und etwa 1.000 Häuser abgerissen werden.
Hausbesitzer erhielten meist Entschädigungen. Für viele Mieter –
Arbeiter, Handwerker und ihre Familien – bedeutete der Abriss jedoch den
Verlust ihres Zuhauses. Neue Wohnquartiere entstanden unter anderem in Barmbek
und Hammerbrook. Nicht ohne Grund sprach man damals auch von der „Freien
und Abrissstadt Hamburg“.
Warum wurde die Speicherstadt überhaupt gebaut?
Um das zu verstehen, müssen wir noch etwas weiter zurück in Hamburgs
Geschichte schauen.
Der Hamburger Hafen profitierte jahrhundertelang vom Handel entlang der
Elbe. Einer Legende nach erhielt Hamburg bereits 1189 von Kaiser Friedrich
I., genannt Barbarossa, einen Freibrief für Zollfreiheit und freien Handel
auf der Elbe. Dieses Datum gilt bis heute als offizieller Geburtstag des Hafens
und wird jedes Jahr mit dem Hafengeburtstag gefeiert.
Historiker gehen heute davon aus, dass dieser berühmte Freibrief
vermutlich eine geschickte Hamburger Fälschung aus dem Mittelalter war.
Wahrscheinlich wurde das Dokument rückwirkend erstellt, um Hamburg
wirtschaftliche Vorteile gegenüber konkurrierenden Hafenstädten wie Stade
zu sichern.
Fest steht jedoch: Hamburg entwickelte sich früh zu einer mächtigen
Handelsstadt – und der Hafen wurde immer wichtiger.
Freihafen statt Zollgrenze
Im 19. Jahrhundert geriet Hamburg allerdings unter Druck. Zwar gehörte
die Stadt politisch zum Deutschen Reich, blieb wirtschaftlich jedoch lange außerhalb
des Reichszollgebiets – ein großer Vorteil für den Überseehandel.
Der erste Reichskanzler Otto von Bismarck wollte jedoch ein
einheitliches Zollsystem im Deutschen Reich. Nach langen Verhandlungen kam 1888
der Kompromiss:
Hamburg trat dem deutschen Zollgebiet bei – erhielt aber gleichzeitig
einen besonderen Bereich für den internationalen Handel: den Freihafen.
Genau hier entstand die Speicherstadt als riesiger Lagerort für unverzollte
Waren aus aller Welt.
Zur offiziellen Eröffnung der Speicherstadt reiste damals sogar Kaiser
Wilhelm II. nach Hamburg an.
Und heute?
Den historischen Freihafen gibt es inzwischen nicht mehr. Seit 2003
gehört die Speicherstadt nicht mehr zum Freihafengebiet, und seit 2008
ist sie offiziell Teil der HafenCity im Bezirk Hamburg-Mitte.
Geblieben
ist jedoch ihr besonderer Charakter: ein Ort, an dem sich Hamburger
Handelsgeschichte, Hafenleben und Backsteinromantik bis heute begegnen.
💡 Gut zu wissen: Elbabwärts oder elbaufwärts?
Wenn Hamburger von „elbabwärts“ sprechen, meinen sie die Richtung Nordsee. „Elbaufwärts“ geht es dagegen Richtung Hafen und weiter flussaufwärts bis zur Quelle. Vom Bereich „Elbe 1“ bei Wedel bis in den Hamburger Hafen brauchen große Schiffe übrigens oft fünf bis sechs Stunden – denn auf der Elbe fährt man nicht einfach Vollgas.
💡 Unser Tipp für eine Kaffeepause – jetzt oder später nach der Tour
Wenn Du vom St. Annenplatz über das Fleet auf den dahinterliegenden Gebäudekomplex blickst, entdeckst Du den Genuss-Speicher / das Kaffeemuseum Burg. Hier dreht sich vieles um eines der wichtigsten Handelsgüter der Speicherstadt: Kaffee. Neben einem kleinen, liebevoll gestalteten Museum findest Du dort auch ein schönes Café für eine entspannte Pause sowie einen Shop mit feinen Manufakturprodukten – natürlich rund um Kaffee, Genuss und Hamburger Handwerk. Ein guter Ort, um kurz vor Anker zu gehen.
Wegbeschreibung
Du gehst nun über die Neuerwegsbrücke und hältst Dich links in die Straße Pickhuben. Schon nach wenigen Schritten kommst Du an einem wichtigen Stück Hamburger Handelsgeschichte vorbei: der ehemaligen Kaffeebörse.
☕ Exkurs: Die Kaffeebörse – Wo Hamburg den Kaffeepreis verhandelte
Dass Hamburg bis heute als Kaffeehauptstadt Deutschlands gilt, kommt nicht von ungefähr. Bereits im 19. Jahrhundert war die Stadt einer der wichtigsten Kaffeehäfen Europas. Säcke voller Rohkaffee aus Südamerika, Afrika oder Asien erreichten über den Hafen die Speicherstadt – und mussten gehandelt werden.
Aus diesem Grund wurde 1887 die Hamburger Kaffeebörse gegründet. Händler, Makler und Importeure brauchten einen festen Ort, um Preise auszuhandeln, Lieferungen zu organisieren und Risiken besser kalkulieren zu können.
Warum wurde Kaffee überhaupt an einer Börse gehandelt?
Ganz einfach: Kaffee kommt aus Übersee – und Ernten, Transportwege oder politische Entwicklungen ließen Preise oft stark schwanken. Über die Börse konnten Händler Preise absichern, später auch über sogenannte Termingeschäfte.
Das heutige Gebäude der Neuen Kaffeebörse entstand 1955/56 nach Plänen des Hamburger Architekten Werner Kallmorgen, denn viele historische Gebäude waren im Zweiten Weltkrieg zerstört worden.
Die Kaffeebörse heute
Die klassische Hamburger Warenbörse in ihrer früheren Form gibt es heute nicht mehr. Kaffee wird inzwischen international gehandelt – vor allem über große Börsenplätze wie New York (Kaffeesorte Arabica) und London (Kaffeesorte Robusta).
Hamburg bleibt dennoch ein Schwergewicht im Kaffeehandel: Noch heute werden jährlich rund eine Million Tonnen Rohkaffee über den Hamburger Hafen umgeschlagen. Gelagert wird jedoch längst nicht mehr in der Speicherstadt, sondern vor allem in modernen Hafenanlagen – etwa in Altenwerder.
Folge nun weiter der Straße Pickhuben. Etwa zwischen Hausnummer 4 und 6 gehst Du durch einen alten Torbogen – und stehst plötzlich mitten im Sandtorkai-Innenhof.